Krebs - und jetzt?

Gedanken über die Krebserkrankung meines Freundes

Nach langem Hin und Her habe ich mich dazu entschieden, auf diesem Weg zu versuchen, das was momentan passiert zu verarbeiten. Ich wusste lange nicht, ob es mir überhaupt zusteht, da es ja eigentlich mein Freund ist, der betroffen ist. Aber als Partner erlebst du deine eigene Geschichte mit dem Krebs. Im Januar dachten mein Freund Daniel und ich, dass er eine Entzündung am Hoden hätte. Da laut Internet damit nicht zu spaßen ist, machten wir und auf dem ins Krankenhaus nach Solingen. Dort angekommen, mussten wir natürlich erst einmal in der Notaufnahme warten. Er sah mich an und meinte wie aus dem Nichts: "Was ist denn, wenn ich Krebs habe?" Ich sah ihn an und wie aus der Pistole geschossen sagte ich lachend und kopfschüttelnd: "Ach Quatsch! Du doch nicht". Und damit war das Thema für uns beide erledigt. Warum sollte Daniel auch Krebs haben. das trifft doch nur die anderen. Nach einiger Wartezeit wurden wir reingerufen. Ein junger Arzt saß dort und Daniel schilderte sein Problemchen und dass er denkt, dass er eine Entzündung hat. Er hatte am Montag zuvor eine Nacht lang bei eisigen Temperaturen auf Schalke angestanden, um eine Karte für das Champions League Spiel gegen Real Madrid für mich zu bekommen. Wir dachten, dass es einfach zu kalt und das der Grund für die Entzündung war. Herr Dr. K. stöhnte direkt und sagte "Ach Schaaaalke, das kann doch nicht wahr sein."Und sagte uns, dass er Fan des 1. FC Köln sei. Na gut, das kann in den besten Familien vorkommen, mein Vater ist auch FC Fan. Die Stimmung im Untersuchungsraum war eigentlich gut und nichts deutete auf das hin, was kommen sollte. Herr Dr. K. und Daniel gingen zum Ultraschall. Als sie wiederkamen, konnte man merken, dass etwas nicht stimmte und dass das, was gleich mitgeteilt wurde nichts Schönes sein würde. Sie setzen sich, atmen durch und dann sagte der Arzt, "dass es wohl keine Entzündung ist", und sagte, dann dass es sich sehr wahrscheinlich um einen Tumor handeln würde. Ich werde nie vergessen, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging, ich sah meinen Freund an und schrie innerlich "Nein! Nein! Nein!", direkt danach "Heirate mich!" (kein Scherz) und dann fing ich an zu weinen wie ein kleines Kind. Daniel saß einfach da, als ob nichts gewesen wäre, er kam zu mir und nahm mich in den Arm. Krebs - Bäääääms. Da wird dir der Boden unter den Füßen weggezogen und es klingt so abgedroschen, aber danach ist nicht mehr wie es war. Am nächsten Tag mussten wir erneut ins Krankenhaus und er Verdacht wurde bestätigt. Ich mag jetzt gar nicht haarklein erzählen was, wie wann passierte. Aber es zog sich wie ein roter Faden durch, dass Daniel durchweg positiv in die Zukunft geblickt hat und ich die ersten Tage total durch den Wind war. Man muss dazu sagen, dass Daniel schon immer nach dem Grundsatz lebte: Es ist mir noch nie was passiert, mir passiert nichts und mir wird auch nichts passieren. Und auch in diese schweren Zeit verlor er diesen Grundsatz nicht. Und jeder bewunderte ihn für diese Einstellung und doch waren unsere Freunde und die Familie wenig verwundert, denn genauso kennen und lieben wir ihn. Ich habe keinen Menschen kennengelernt, der so durch und durch positiv lebt. Ich hingegen machen mir immer viel zu sehr einen Kopf über alles, verliere schnell die Nerven und brauche oft guten Zuspruch, bevor ich mich wieder beruhige. Jeder sagte mir, ich müsse nun stark und für ihn da sein. Das wusste ich selber und natürlich wollte ich. Es stand nie etwas anderes zur Debatte. Meine liebe Freundin Noukie sagte "Tja, schneggi, da müssen wir jetzt aber fix 3 Schippen Erwachsenwerden drauflegen" und Recht hatte sie. Denn schon bald merkte ich, dass die Diagnose Krebs nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Partner, die Familie und die Freunde eine alles veränderte Sache ist. Und dass es mitunter gar nicht so einfach ist, immer "stark sein" zu müssen. Mittlerweile ist die OP, in der ihm der linke Hoden entfernt wurde schon lange vorbei und die Chemo-Therapie ist im Gange. Der erste Zyklus (ein Zyklus = 21 Tage, 0.-8. Tag im Krankenhaus, 9. bis 14. Tag Zuhause, 15. + 16. Tag Krankenhaus, 17. bis 21. Tag zu Hause und am 21 Tag fängt alles wieder von vorne an) . war eigentlich ganz ok, es gab eine schlimme Nacht aber ansonsten schlug er sich wirklich tapfer und sein Zustand war auch wirklich gut. Ein Mal waren seine Leukozyten (also das Immunsystem) sehr weit unten und er musste in Quarantäne, nervig und frustrierend, aber es war zum Glück nichts weiteres passiert. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht da bin.Auch wenn das wirklich mitunter sehr anstregend ist, wenn ich morgens um halb sieben aufstehe, dann bis 17.30 Uhr arbeite und im Anschluss zu ihm ins Krankenhaus fahre. Oft bin abends nicht vor halb zehn Zuhause, dann muss ich mich um die Wohnung und Tierchen kümmern. Wir stecken momentan mitten im zweiten Zyklus der PEB-Chemo-Therapie . Heute ist Tag 6, die 5. Nacht wird ganz gern als die "Verrückte 5. Nacht" bezeichnet und macht ihren Namen leider alle Ehre, der Körper ist halt maßlos überfordert und oft kommt es zu Erbrechen, Erschöpfung, Schweißausbrüchen und all sowas. Es ist also eine sehr anstrengende und wirklich schlauchende Geschichte. Gestern war also der 5 Tag und ganz ehrlich. Ich hatte Angst davor. Die letzte 5. Nacht war nämlich wirklich nicht schön und fing schon am Abend des Vortages an. Als ich ihn gestern besuchte, ging es ihm wirklich gut und das freute mich sehr. Ich wog ihn in Sicherheit und dachte mir: Ha, nichts da mit der verrückten 5. Nacht. (Mittlerweile wird mir ganz anders, wenn ich diesen Begriff nenne, verrückt...). Ich fuhr also mit einem guten Gefühl und freute mich, dass wir dieser Nacht trotzen können. Gestern Abend war meine Freundin Noukie noch hier und wir quatschten bis fast 4 Uhr morgens, wir redeten über Gott und die Welt, auch über die Krankheit, aber nicht nur. Es war ein wirklich guter Abend und er tat wirklich gut. Wir lachten zusammen und waren auch miteinander traurig. Eben das, was eine Freundschaft ausmacht. Aber da der Abend so lange dauerte, wurde ich heute auch erst etwas später wach. Ich schaute auf mein Handy und wunderte mich, dass ich keine Nachricht von Daniel hatte. Ich rief ihn an und das erste was ich hörte war: "Ich hatte meine Nacht heute". Und schwups, war das Glücksgefühl vom Abend zuvor weg. Einfach weg und da hatte mich die Gegenwart wieder eingeholt. Ich hatte das Gespräch relativ abrupt beendet und als ich erneut anrufen wollte, erreiche ich ihn nicht. Natürlich machte ich mir wieder Gedanken. Ich sprang fix unter die Dusche, zog mich an, kümmerte mich um die Tiere und raste los. Ich möchte nicht wissen, wie viele Verkehrsregeln ich gebrochen habe, aber ich sagte ja bereits, dass ich nicht gerade die Größte im rationalen Denken bin. Ich parkte, rannte zum Parkhaus und ging ins Zimmer. Als ich die Tür öffnete saß mein Freund mit seinem Tropf auf einem Stuhl am Tisch. Und irgendwie sah er auch aus wie ein Tropf. Er war blass im Gesicht, saß da mit hängenden Schultern und wundem Mund. Dazu kommt, dass von Tag zu mehr die Haare ausfallen. Achja, die Haare, das ist auch so ein Thema für sich. Ich habe vom ersten Tag der Chemo an immer an seinen Haaren gezogen und gesagt: "Guck mal, noch alle da". Bis zu dem letzten Tag in der Quarantäne. Ich zog wie gewohnt an seinen tollen dunklen Haaren und sagte: "Guck mal", guckte zwischen meine Finger und sagte schnell: "Oh guck lieber nicht". Das war wieder so ein Bäääms-Moment. Ich habe vorher schon mit meinem lieben Freund Kevin über die Sache mit den Haaren gesprochen und er bot an, seine Haarschneidemaschine zur Verfügung zu stellen, wenn der Tag kommen würde. Ich verließ Daniel damals mit den Worten: "Baby, ich weiß, dass das jetzt wirklich Kacke ist und ich will dich auch zu nichts drängen, denn es ist deine Sache. Aber ich habe mit Kevin gesprochen und er hat angeboten, uns seine Maschine zu leihen. Und da wir morgen mit den Jungs Fußball gucken, vielleicht wäre es ganz "nett" diesen schrecklichen Schritt und dieses Erlebnis mit den Jungs zu teilen. Dann sind wir nicht allein." Und so kam es, dass wir in der Halbzeit des Champions League Rückspiels (Real Madrid : FC Schalke 04) die Haare, durch die ich ja immer so gerne wuschel, auf wenige Millimeter kürzten. Ich glaube auch, dass es sehr wichtig war, diesen Schritt mit Kevin und Dennis gemeinsam zu machen, denn so konnten wir aus etwas, vor dem wir Angst hatten, ein kleines Happening machen. Und es tat gut, es war eine wirklich gelöste Stimmung mit ein paar kecken Sprüchen. Und es ist so wichtig, dass man das nicht vergisst. Eine gewisse Portion Galgenhumor muss dabei sein und da achten wir auch eigentlich immer drauf. Daniel sah also wirklich nicht gut aus, wie er da saß. Die kahlen Stellen werden auch immer mehr (trotz der kurzen Haare, fällt es sehr stark auf). Es tut mir so schrecklich weh ihn dann so zu sehen und ich sage es immer wieder, wenn ich könnte, ich würde es ihm abnehmen. Und ich meine das auch wirklich so. Ich finde es so schrecklich unfair, er trinkt nicht, er raucht nicht und ist ein wirklich herzensguter Mensch, der niemanden jemals was zu Leide getan hat. Ich gucke immer unweigerlich auf meine Haare und das tut mir so weh, nicht weil er anders aussieht, sondern weil ich weiß, wie sehr an seinen Haaren hängt. Er hat mehr mit dem Verlust seiner Haare als mit dem Verlust des Hodens zu kämpfen. Klingt komisch, ist aber so. Auf jeden Fall war heute ein sogenannter "schlechter Tag". Er war nicht nur müde, damit kann ich ja mittlerweile umgehen, er war zickig und hier und da auch wirklich ungerecht. Meine Eltern waren später auch im Krankenhaus und haben das bestätigt. Er hat heute kaum gegessen und so gut wie gar nicht mit mir gesprochen und wenn doch, dann war es nicht wirklich nett. Körperliche Nähe ließ er fast gar nicht zu und das macht mich momentan wirklich fertig. Er ist seit einer Woche im Krankenhaus und natürlich fehlt mir die Nähe, denn sie ist es, die mir Kraft gibt, weiter zu machen. Sie lädt meinen Akku auf. Zum Abschied habe ich ihn dann gebeten, kurz aufzustehen und mich in den Arm zu nehmen. Das tat er dann auch und das tat so unglaublich gut und gleichzeitig schossen mir die Tränen in die Augen, weil mir bewusst wurde, wie sehr es mir fehlt und dass heute eine weitere Nacht ohne ihn ansteht. Und gleichzeitig dachte ich mir: "Du Idiot, warum hast du das nicht vorher gemacht." Ich habe ihm heute schon versucht mitzuteilen, dass er unfair mir gegenüber ist und dass ich sehr wohl weiß, dass er krank ist, aber dass es für mich auch eine schwere Zeit ist und dass wir beide aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Natürlich muss ich mehr Rücksicht auf ihn nehmen als andersrum und das hundert Mal mehr, natürlich. Aber allzu unfair sollte er halt nicht werden. Aber das hat heute leider nicht funktioniert. Im Gegenteil, er hat es noch nicht einmal eingesehen, dass sein Verhalten nicht sonderlich nett war. Aber ich nehme ihm da nicht böse, das ist die Krankheit und das sind die Medikamente. Trotzdem macht es mich natürlich traurig. Als ich seine Zimmertür schloss, liefen die Tränen nur so. Ich saß mich unten in die Eingangshalle, weil ich wusste, dass ich so nicht Auto fahren konnte und weil ich ihm noch ein bisschen nahe sein wollte. Da kam ein älterer Herr zu mir und sprach kurz mit mir, fragte ob er etwas für mich tun könne und das, obwohl er selbst Patient war. Zum Abschied nahm er meine Hände, und strich mit über die Wange. Diese Geste rührte mich sehr. Trotzdem habe ich sofort meine Hände desinfiziert und auch die Stelle, an der er mein Gesicht berührt hatte. Klingt komisch, aber ich muss im Moment sicherstellen, dass ich keine Krankheiten irgendwo mitnehme. Daniels Leukozyten sind nämlich schon wieder auf Abwegen... Überhaupt bin ich von dem Mitgefühl und der Hilfsbereitschaft unserer Freunde sehr gerührt, ich wusste vorher schon, dass wir tolle Freunde haben, aber sie sind wirklich Gold wert. Natürlich gibt es auch Menschen, die uns in dieser Zeit gnadenlos enttäuschen, aber so ist es dann wohl. Ich sortiere momentan auch rigoros aus. Denn ich habe nach diesen fast 3 Monaten schon eines gelernt: Mit halbherzigen Dingen, gebe ich mich nicht mehr zufrieden. Und wenn ich nicht von etwas oder jemandem überzeugt bin, dann muss ich da auch keine Energie reinstecken Wenn ich Fotos sehe, die vor dem 15. Januar entstanden sind, schießen mir die Tränen in die Augen und manchmal ertrage ich den Anblick auch nicht. Ich kann gar nicht sagen warum. Aber es ist so. Ich sagte letztens zu meiner Mami: "Ich wünsche mir nur eine Woche lang das Leben zurück, das wir vor dem 15. Januar hatten. Ohne diese Angst, ohne das ewige Überlegen, mit wem man sich treffen kann, weil man ja nicht krank werden darf. Eine Zeit, in der man ohne Probleme in die Altstadt in das Till's oder ins Tube oder einfach einen Cocktail trinken gehen kann. Nur eine Woche. Eine Woche, ohne dass ich jeden k. o. schlagen möchte, der im Bus hustet oder niest ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, ohne das ewige Desinfizieren." Sie sagte: "Ja, Kind. Bald, bald könnt ihr das alles wieder machen." Und sie hat Recht, wir sind ja guter Dinge, dass wir im Sommer durch sind.

5.4.14 23:31, kommentieren